Nolympia2018: Umweltkonzept gescheitert / Bogners Märchenstunde

Nachtrag 22.03.2010 14:51 Uhr
Die Bewerbungsgesellschaft beurlaubt ihren Geschäftsführer Richard Adam mit sofortiger Wirkung. Dies war bereits seit längerer Zeit absehbar. Ich hatte letzten Herbst ausführlich Gelegenheit offen mit Adam über meine Skepsis bezüglich der Bewerbung zu sprechen, die Frustration über die internen Entwicklungen und Grabenkämpfe war bei ihm damals bereits erkennbar. Im Vergleich zu Willy Bogner war – mit Verlaub – bei Adam aber immerhin erkennbar, dass er sich substantiell mit der Materie beschäftigt hatte. Man darf von einem Bewerbungschef schon erwarten dürfen, dass er die eigenen Zahlen kennt und bewerten kann. (siehe Blogeintrag unten)

Blogeintrag 21.03.2010
Die Widerstände und Skepsis gegenüber der Bewerbung von München, Garmisch, Oberammergau und Schönau für die Olympischen Winterspiele 2018 seien lediglich ein Medienprodukt, verbreitete Münchens Oberbürgermeister Christian Ude kurz vor Beginn der Spiele in Vancouver in einem Interview mit der taz.
Dieses Medienprodukt traf sich zum ersten Bürgerforum in Garmisch am 9. März. Rund 200 kritische Bürgerinnen und Bürger der Marktgemeinde waren anwesend. Eine weitere Veranstaltung des Nolympia-Netzwerks mit Salzburgs (erfolgreichem) Olympia-Gegner und Finanzexperten Willi Rehberg fand in Berchtesgaden statt.

Es zeichnet sich ab, dass aus den Reihen der Garmischer Bürgerschaft ein Bürgerbegehren für Herbst/Winter angestrebt wird.
Dies ist der einzig richtige Weg: Die Bürgerinnen und Bürger müssen bei einer so weitreichenden Entscheidung selbst beteiligt werden. Nur so erreichen wir abseits der Propaganda eine ausgewogene und kritische Diskussion.

Mindestens genauso gravierend sind aber weitere Entwicklungen der letzten Zeit. Zum einen: Das von DOSB-Generalsekretär Michael Vesper vollmundig als „grünes Erbe“ angekündigte Biosphärenreservat kommt nicht.

Bund Naturschutz und viele andere haben von Anfang darauf hingewiesen, dass ein solches Projekt nicht von oben diktiert werden kann, sondern von unten heraus entstehen muss. Der Landesbund für Vogelschutz hatte im übrigen für den Fall der Nicht-Verwirklichung als einer der letzten verbliebenen Umweltverbände seinen Ausstieg angekündigt. Auch der Präsident des DAV Prof. Heinz Röhle hatte auf seiner Jahrespressekonferenz Anfang des Jahres erklärt: “Wenn solche Projekte nicht kommen, wird der Deutsche Alpenverein aus der Bewerbungsgesellschaft für Olympia 2018 aussteigen.”
Das „Umweltkonzept“ der Bewerbergesellschaft, das ohnehin eine ganze Reihe fragwürdiger Projekte protegierte, ist aus meiner Sicht endgültig gescheitert.
Das Gerede von „grünen Spielen“ sollte nun ein für alle mal ein Ende haben.

Die Stadtversammlung der Münchner Grünen, die als einzige demokratisch legitimierte Ebene der Partei im Gegensatz zu Grüner Jugend (Land + Bund), Landespartei und Landtagsfraktion einen mittragenden Beschluss zur Bewerbung Olympia 2018 fällte, hatte diesen unter den Vorbehalt gestellt, dass „das am 9.10.2009 vorgestellte Umweltkonzept fester und bindender Bestandteil der Bewerbung ist“.
Diese Bedingung ist allein durch den Wegfall des “grünen Herzstücks” Biosphärenreservat nicht mehr erfüllt. Bei der Durchsicht des Bid-Books fällt im übrigen auf, das die sog. 18 Leitprojekte nicht als verbindlicher Bestandteil enthalten sind.

Zudem legten auch die Münchner Grünen in ihrem Beschluss wert auf Transparenz und Kontrolle bei der Finanzierung der Bewerbung. Es ist schlichtweg ein Skandal, dass knapp ein Jahr vor der Entscheidung zur Vergabe der Olympischen Winterspiele 2018 von der Bewerbergesellschaft auch im nun abgegebenen Bid-Book abseits von Einzelangaben zu den Sportstätten keinerlei verifizierbare Zahlen zur Finanzierung vorliegen. Im Gegenteil behauptet der Geschäftsführer der Bewerbergesellschaft Willy Bogner zuletzt erneut in der Diskussion u.a. mit mir im BR-Tagesgespräch vom 18. März (mp3) – unwissentlich oder nicht -, dass das Budget des Organisationskomitees (OCOG) für die Spiele zum einen den “Löwenanteil” der Gesamtkosten ausmache und zum anderen „vom IOC erstattet würde“. Beides ist nachweislich falsch und stellt die Informationspolitik der Bewerbergesellschaft grundsätzlich in Frage. Jens Weinreich hat dies in seinem Blog wieder mal sehr eindringlich dargelegt. Auf welcher Ebene Bogner ansonsten argumentiert “Herr Janecek, treiben Sie überhaupt Sport?” spricht für sich.

Dass Gemeinde- und Stadträte wie Landtags- und Bundestagsabgeordnete auf einer solchen Grundlage mit Milliardenrisiken für die SteuerzahlerInnen der Olympia-Bewerbung einen Freifahrtschein ausstellen, ist zudem auch demokratiepolitisch ein äußerst fragwürdiger Vorgang.

Zum Schluss noch die Empfehlung, sich eine erste Bilanz von Chris Shaw zu den abgelaufenen Winterspielen von Vancouver zu Gemüte zu führen. Die Kostenexplosion auf mindestens 8 Mrd. Dollar ist dabei nur ein Aspekt.

9 Antworten auf “Nolympia2018: Umweltkonzept gescheitert / Bogners Märchenstunde”

  1. Doering

    Jetzt ist es endlich heraus und die Glaubwürdigkeit der Bewerber weiter verspielt: Es kommt wie ich immer behauptet habe, das Biosphärenreservat wurde so dilletantisch und arrogant in die Diskussion eingebacht, daß es niemals eine Erfolgschance hatte. Haben es die Bewerber überhaupt jemals gewollt?
    Die letzte Optimisten, die das Märchen von den ökologischen, grünen Spielen geglaubt haben müßten jetzt sehen, daß von Olympia hauptsächlich die dunkle Seite bleiben wird: immense Eingriffe in die Umwelt, Verschuldung der vom IOC geknebelten Ausrichterorte, Durchsetzung aller irgendwann geplanten Straßenbauprojekte, Einschränkung der Bürgerrechte um die Sicherheit zu garantieren und unendlicher Druck auf Zweifler oder unbotmäßige Grundbesitzer. Besonders traurig ist, daß diese Spiele im Schnee auf 700 m Meereshöhe schon ohne alle dies Gründe zu Farce werden können!

  2. Patrick Hanft

    Hallo Dieter,

    wäre nett, wenn du auf Blogs andererer Leute verweist, wenn du die auch verlinken würdest. Ich bin jetzt nicht soooo sehr im Thema drin, dass ich gleich wissen würde, wo ich das Blog von Jens Weinreich finde.

    Ansonsten merke ich mal wieder, wer da von Anfang an die besseren Argumente hatte… Wäre schön, wenn man sich das Geld für die Bewerbung schon hätte sparen können :(

  3. dieter_janecek

    @Patrick Im Text ist er aber verlinkt. Ich nehm ihn aber auch in die Blogroll auf, guter Hinweis.

  4. Hubertus

    Olympia München 2018 rocks! Warum will nun jeder die Spiele nicht hier in Bayern und Deutschland?

  5. dieter_janecek

    @Hubertus Ich dachte, 80% sind dafür (DOSB) … Ansonsten findest Du hier im Blog und über zahlreiche Links genügend Material, warum ich nicht zu den Jubelpersern gehören will.

  6. München 2018 trennt sich von Geschäftsführer Adam : jens weinreich

    [...] geht drunter und drüber in München (Olympia GmbH) und Frankfurt am Main (DOSB). Gerade teilt [...]

  7. Patrick Hanft

    Entweder war ich heut Nacht irgendwie nicht ganz bei der Sache, oder mein Browser hat gesponnen. Jedenfalls hab ich die Verlinkung absolut nicht wahrgenommen. Sorry für die Aufregung.

  8. dieter_janecek

    @Patrick Denke, ich müsste die Links künftig mal fett machen, ist schon ein guter Hinweis.

  9. Lesestoff für den mündigen Bürger « sportinsider

    [...] Nolympia2018:Umweltkonzept gescheitert/ Bogners Märchenstunde [...]

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Ich bin Landesvorsitzender von Bündnis 90 / Die Grünen in Bayern und schreibe über meine politische Arbeit, meine Gedanken zum politischen und gesellschaftliche Geschehen mit dem festen Willen abseits des politischen Mainstreams sich die Freiheit zu nehmen, auch mal quer zu denken. (mehr)

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