Der ewige Terminkalender

Kommentar zum Grünen Männermanifest aus der Sicht eines Vaters, (Ehe-)Partners und grünen Landesvorsitzenden

Als vor einigen Wochen Sven Lehmann für eine Autorengruppe Grüner aus NRW auf mich zu kam mit der Idee, ein gemeinsames Grünes Männermanifest zu unterstützen, das offensiv ein neues Bild von wirklicher (gelebter) Geschlechtergerechtigkeit und einem veränderten positiven Bild der Rolle des Mannes in der Gesellschaft zeichnet, habe ich umgehend zugesagt. Weniger aus dem Hintergrund langjähriger theoretischer Beschäftigung mit dem Thema als aus den Erfahrungen des täglichen Lebens heraus komme ich für mich schon lange zum Schluss, dass ein qualitativen Sprung dringend notwendig ist.

Der Text verzichtet bewusst nicht auf Reizwörter wie „Feminismus“, „Quote“ und benennt somit für manche vermeintlich altbackene und in der Gesellschaft hart umstrittene Begrifflichkeiten/Konzeptionen offensiv als wesentlich für den Diskurs um Geschlechtergerechtigkeit. Die Analyse, dass die zentralen globalen Krisen Folgen einer vor allem traditionell geprägten patriarchalisch-„männlichen“ Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsweise sind, ist die Ausgangslage der Überlegungen. Als Mann sehe ich mich im übrigen trotzdem nicht in Sippenhaft für meine „Gattung“. Mir macht „Mann sein“ Spaß und Freude. Wer sich schämen will, wird in mir keinen Verbündeten finden, aber Wahrheiten gehören trotzdem ausgesprochen! Dass wir als Autoren/Unterstützer mit dem Eintreten für neue Werteleitbilder, Wege und Perspektiven für Jungs sowie neuer Vätermodelle in ein Wespennest gestochen haben, zeigen die zum Teil harschen (erwartbaren) Kommentare im Blog. Gut so!

Als ich im Herbst 2008 zum Landesvorsitzenden der Grünen gewählt worden bin, wurde mir aus der Versammlung die Frage gestellt, wie ich denn diese vermutet anspruchsvolle und Zeit aufreibende Aufgabe mit meiner damals noch dreiköpfigen Familie in Einklang bringen wolle. Ich habe damals vermeintlich pathetisch geantwortet: „Wenn Ihr eine moderne Partei sein wollt, lasst mich einen modernen Vater sein!“. „Moderner Ehemann / Partner“ hätte ich noch ergänzen müssen. Dies war schlicht als Ankündigung gedacht, dass ich im Falle meiner Wahl mein Wohnzimmer auch künftig beizeiten noch außerhalb der Versammlungsräume, Gaststätten und Vereinsheime zwischen Aschaffenburg und Berchtesgaden sehe, nämlich im “trauten” Heim. Ein „moderner“ Vater (und Partner) zu sein, heißt für mich nämlich jenseits (wünschenswerter) Gender-Kompetenz in erster Linie und ganz praktisch, ZEIT aufzubringen und somit Verantwortung zu übernehmen (in jeglicher Hinsicht von der Drecksarbeit bis zu Erziehungsfragen). Die „neuen Väter“ ergeben sich nicht dem ewigen Terminkalender, sondern sie kämpfen (zusammen mit ihren PartnerInnen) für die gemeinsame ZEIT als das höchste Gut für Familie und Kinder und zwar nicht nur während zwei Monaten Elternzeit, sondern als dauerhafte Herausforderung. Und hier beginnen natürlich ganz praktisch die Konflikte angesichts der Erwartungshaltungen, die man in seinem/ihrem Umfeld erfährt, gerade in einer Gesellschaft, die sich dem Wachstums- und Leistungswahn unterwirft.

Mit dem ZEIT-Versprechen meiner (noch jungen) Familie gegenüber bin ich mindestens im ersten Jahr meiner Amtszeit vorwiegend gescheitert. Ich könnte nun anführen, dass Wahlkampfjahre wie 2009 naturgemäß sehr aufreibend sind und jede/r Involvierte – die für die Partei hauptberuflich Tätigen in besonderer Verantwortung – von sich heraus sich für die grüne Sache voll und ganz aufopfert. Damit argumentiere ich aus der Struktur heraus, die mich und vermutlich die meisten von uns prägt. Und wenn ich ehrlich bin: In der Tat, diese Wahlkampfmonate sind eine sehr spannende, intensive und nervenaufreibende Phase mit vielen wichtigen Kontakten, Erfahrungen, Debatten, etc. in unglaublich verdichteter Zeit. Man kann regelrecht süchtig danach werden. Und die Euphorie und Hektik eines Wahlkampfs verleitet auch leicht dazu, Gewissensbisse der Familie und Partnerin gegenüber konstant zu verdrängen: „Geht halt nicht anders, nur noch 12, 10, 8, 6, 4, 2, Wochen …“. Aber wie heißt es so schön im Fussball: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, und für die Politik scheint zu gelten: Nach der Wahl ist vor der Wahl! Die Möglichkeiten der vorgeblich stets überaus notwendigen und vom Drang nach Anerkennung geprägten politischen Betätigung sind auch in Wahlkampf freien Zeiten quantitativ unbegrenzt – dies gilt im Prinzip übrigens für alle Politikebenen vom Ortsverband bis zum Bundestag. Man begegnet ja auch nicht wenig Süchtigen, die ihr Wohnzimmer längst im „Grünen“ eingerichtet haben.

Und ist es nicht durchaus so, dass diejenigen in den Parteien, die die „Netzwerkpflege“ beharrlich und konsequent verfolgen, stets im Vorteil gegenüber denjenigen sind, die diesen Aufwand nicht aufbringen können oder wollen? Ich würde sagen, tendenziell ja, aber gleichzeitig herrscht doch bei vielen ein Gespür dafür, wer authentisch für etwas einsteht, (soziale) Fähigkeiten entwickelt und als Persönlichkeit (eben z.B. auch als Familienmensch) geerdet ist oder wer zwar die Mechanismen des Fortkommens verstanden hat, aber über den Fleiß hinaus nicht in der Lage ist, für eine Sache glaubhaft zu brennen.

Bei all den vermeintlich und real existierenden strukturellen Defiziten, die einem als Mann begegnen, ist es für mich letztlich doch die entscheidende Frage, ob man selber den Arsch hoch kriegt oder nicht. Es gilt, die richtigen Prioritäten zu setzen für Familie UND Beruf, in eben dieser Reihenfolge. Dies ist auch heute bereits öfter als gedacht möglich, und viele gerade junge Männer und Frauen gehen bereits diesen Weg. Gerade wir Grüne sollten in der Lage sein dies vorzuleben, um auch glaubhaft für Veränderungen einstehen zu können.

9 Antworten auf “Der ewige Terminkalender”

  1. Stephan Clemens

    Ganz zu Beginn möchte ich das GRÜNE MÄNNERMANIFEST loben. Ich finde es gut, dass mal Bewegung in die Geschlechtergerechtigkeitsdebatte von männlicher Seite kommt. Jedoch finde ich die Form auch etwas schwierig: “Manifest” bedeutet etwas fertiges und statisches. Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen ist ein Prozess und muss immer wieder neu debattiert und diskutiert werden. Ein Manifest sollte nicht am Beginn der Debatte stehen, sondern am Ende. Ein Appell wäre vllt die bessere Formulierung gewesen.

    Als ich die ersten Sätze eures Manifestes gelesen habe, bis hin zu: “Wir wollen nicht länger Machos sein müssen, wir wollen Menschen sein!” dachte ich: Genau, endlich wird mal mit der ausschließlich weiblichen Perspektive Schluss gemacht und es kommt endlich zu einer Gender-Debatte, die auch Männlichkeit und Weiblichkeit einschließt, aber eben zum Ziel alle Rollen aufzubrechen und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

    Leider geht euer Manifest nicht so weiter, wie ihr begonnen habt. Eure Kritik an den feministischen Diskursen, kann ich nicht nachvollziehen. Früher waren Feministische Diskurse natürlich gegen die Männer gerichtet, um das Rollendenken aufzubrechen. Den Frauen ging es damals zu Recht darum auch Männern etwas wegzunehmen – nämlich die Macht, die ihnen zusteht. Insofern sind feministische Forderungen, die sich gegen Männer richten berechtigt, wenn Ungerechtigkeit besteht. Natürlich steht es Männern frei auch selbst auf die Macht zu verzichten, die sie zu viel haben. Auf die heutige Zeit bezogen würde ich mich der Kritik anschließen. Es wird oft aus einer weiblichen Perspektive argumentiert: “Frauen verdienen 23% weniger als Männer” und nicht “Männer verdienen 30% mehr als Frauen”, man könnte sich ja auch in der Mitte treffen.

    Besonders gewundert hat mich dann die Aussage: “Bewusstsein für eine neue Männlichkeit!” Wieso wollt ihr denn unbedingt noch eine Männlichkeit haben, wenn ihr Menschen werden wollt? Männlichkeit impliziert eine generalisierbare Gemeinsamkeit, die “den Mann zum Manne” macht. Jenseits des biologischen Geschlechts (wobei ich sagen würde, dass man da auch mehr differenzieren muss, was das nun wirklich ist) sollte man aufpassen, dass man mit neuer Männlichkeit nicht nur ein neues Korsett schafft, was den Mann Mann sein lässt, aber doch nicht Mensch. Welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen soll es denn als Vision eurer Meinung nach noch geben?

    Das setzt sich dann leider weiter fort: “Deshalb braucht es eine emanzipatorische Erziehung und eine individuelle Förderung, die die Stärken von Jungen und Mädchen gleichermaßen wertschätzt und fördert.” Wieso nicht eine Erziehung, die versucht die Menschen als Individuen zu sehen und nicht versucht Jungen und Mädchen bestimmte Begabungen und Fähigkeiten aufgrund des Geschlechts (welche “Stärken” von Jungs im generellen und Mädchen im generellen sind hier gemeint?)
    Genderkompetenz in der Erziehung ist wichtig, aber es Ziel muss es sein, die Rollenbilder und auch die Geschlechter generell zu überwinden. Wieso keine “gender days”, die sich mit den aktuellen Gender-Problemen auseinandersetzen und daraus abgeleitet Initiativen individuell macht. Männer für im Moment noch Frauen-dominierte Berufe zu begeistern ist die eine Sache und auch wichtig. Wichtig ist auch die Bezahlung von Männer-Berufen und Frauen-Berufen stärker anzugleichen. Macht teilen, heißt eben auch Geld abgeben! Die andere Variante ist, dass Frauen-Berufe mehr Gehalt bekommen. Warum bekommen nicht GrundschullehrerInnen am meisten Geld? Schließlich legen sie den Grundstein für die Entwicklung der Kinder und haben damit eine größere Verantwortung als der/die FachlehrerIn auf dem Gymnasium.

    Meine These ist, wenn wir die Bezahlung angleichen, werden sich die Genderprobleme bei den Berufen eher auflösen. Warum bekommen denn ErzieherInnen weniger als LehrerInnen? Sind sie in unserer Gesellschaft weniger wichtig? Ich würde sagen: Nein. Ebenso brauchen wir Menschen, die den Müll wegbringen. Alle Menschen, die (Vollzeit bzw. nach ihrer Leistungsfähigkeit) arbeiten tragen doch ihren Teil zur Gesellschaft bei. Durch das Alleinernährermodell haben sich Männerberufe auch über Geld herauskristallisiert. Man musste ja die Familie ernähren, also musste man viel verdienen, höhrer Bildungsabschluss garantierte ein höheres Gehalt. Aber mit welcher Begründung?

    Und noch ein letztes. Wer Grüner Feminist sein will, der schreibt nicht ein Männer-Manifest, sondern versucht auch die weibliche Perspektive in allen Bereichen mit einzubeziehen. Das fehlt mir hier völlig. Ich denke aber, dass ihr durch diese bewusst männliche Perspektive den Dialog eröffnen wolltet. Wenn ihr da weiter gehen wollt und nicht nur als Namensgeber unter dem Manifest stehen wollt, dann find ich das in Ordnung. Aber wer sich da drunter gesetzt hat, sehe ich in der Pflicht auch in Zukunft als grüner Feminist aufzutreten und den Diskurs auch innerhalb und außerhalb der Partei weiterzuführen. Eine Unterschrift ist schnell gesetzt. Macht abzugeben und männerbündisches Verhalten abzulegen ist ein schwierigeres Unterfangen. Wie diese Unterschriftenliste zustande gekommen ist, wäre schon mal eine solche Frage, die ihr euch stellen solltet ;-)

    Ein erster Schritt dazu könnte auch sein zu überlegen in welchen Gremien man die Diskurse denn fortführen kann. Ich würde es nicht zielführend sehen eine neue Struktur neben den LAK Frauen und BAG Frauen einzuführen, sondern würde es begrüßen, wenn man diese in LAK/BAG Genderpolitik umbauen würde. Dies heißt für mich nicht, dass man Frauen-Treffen/-Versammlungen und Männer-Treffen/-Versammlungen ganz bleiben lässt, aber dass Dialog entsteht und nicht die Frauen und Männer unter sich bleiben. Wenn man diesen Weg gehen würde, dann könnte ich mir vorstellen, dass wir das Mensch-werden schaffen können!

    Geschlechtergerechte Grüße
    Stephan Clemens
    LAK Geschlechtergerechtigkeit der GRÜNEN JUGEND Bayern

    Empfehlungen zum Weiterlesen:
    Beschluss der GRÜNEN JUGEND “Fuck Gender – be yourself”
    http://www.gruene-jugend.de/beschluesse/gleichberechtigung/551350.html

    Frauenförderungsreader der GRÜNEN JUGEND Bayern
    http://www.gj-bayern.de/tl_files/Landesarbeitskreise/Frauenfoerderungsreader.pdf

  2. Till

    Zum Manifest kann ich mich nur Stephan anschließen. Eigentlich habe ich keine Zeit dazu, aber mich juckt’s ja in den Fingern, ein Etherpad aufzumachen, auf dem dann sowas wie ein “offenes grünes Gendermanifest” entstehen kann …

    Aber jetzt zum eigentlichen Blogpost. Den finde ich nämlich mutig und überzeugend, weil sehr ehrlich. Ich setze meine Prioritäten gerade eher so, wie Dieter es am Schluss darstellt, und habe manchmal das Gefühl, dass das karrieretechnisch (egal, ob jetzt auf die Partei oder auf die Uni bezogen) eher unsinnig ist. Also das klassische “Frauenproblem” … Da wären wir übrigens letztlich bei der Überschrift – auch bei mir gibt es ein ziemlich heftiges Terminkalenderdiktat – das hat aber damit zu tun, dass zwei Kinder und zwei Eltern mit egalitären Ansprüchen einen ziemlichen Haufen Koordinationsnotwendigkeit hervorrufen (zum Glück gibt’s google calendar).

  3. Fabian

    Na dann schaue ich mal, dass mein Kalender auch “meine Waffe” wird. Ich lerne noch. :-)

  4. Lucia

    Zum vorletzten Kapitel:

    Es gibt neue Probleme: Ich werde als allein erziehende Frau mit dem Vor-Urteil konfrontiert, dass ich auf Kosten des Exmannes die Kinder und mich selbst ernähre. Das ist interessanter Blödsinn.

    Ich höre sehr selten Verständnis für meine besondere Lebenslage und werde für mangelnde Netzwerkpflege regelrecht attackiert.
    Ja, ich stehe authentisch im politischen Feld: Dafür bekomme ich Anerkennung von ANDEREN, nicht von Parteifreunden.

    Es ist unwahrscheinlich sexy, wenn ein Mann Beruf und Familie miteinander vereinbart.
    Frauen untereinander sind nicht zwangsläufig verständnisvoll oder solidarisch – keineswegs.

    Nun denn, ich hatte nur eben mal Lust zu veröffentlichen, dass Deine Eindrücke tatsächlich mit deinem biolog. Geschlecht zu tun haben können.

  5. Elmar Gillet

    Hallo Dieter!

    Nach dem erscheinen des Männermanifestes, habe ich gefragt, wer denn von den Autoren/unterzeichner auch ein “neues”
    Modell des Geschlecherverständnisses lebt? So wurdest du mir als einziger genannt. Vieles im dem Manifest ist doch sehr theoretisch und dies ist offensichtlich, weil die Zwischentöne fehlen.
    Ich kann dies anmerken, da ich jetzt seit 3 Jahren an der
    Vereinbarkeit von Familie mit Kind, politischen Engagement und Beruf arbeite. (Die Reihenfolge benennt die Prioritäten)
    Es ist ein mühsamer Weg, alles andere wäre eine Verklärung. Und wäre auch ohne ein gewisses familiäres und soziales Umfeld kaum zu schaffen. Oder klarer ausgedrückt ohne familiären Rückhalt über die Partnerschaft hinaus und einer gewissen finanziellen Absicherung kaum zu realisieren, sonst würde die Notwendigkeit des Berufes die Möglichkeit des politischen Engagements verhindern oder zumindst extrem einschränken. Ohne Präsenz ist Mann oder Frau schnell auch aus Grünen Politikzusammenhängen draussen!

    Also ich freue mich, dass das Thema “Geschlecht” wieder in die
    Diskussion kommt.

    Elmar Gillet
    Fraktionsvorsitzender Grüne Rhein-Erft (NRW)

  6. Echte grüne Kerle - das Männermanifest | Judith Hasselmann

    [...] Löffler und Sven-Christian Kindler sowie die Grünen-Landesvorsitzende Arndt Klocke (NRW), Dieter Janecek (Bayern), Christian Kühn (Baden-Württemberg) und Christoph Erdmenger (Sachsen-Anhalt), [...]

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  7. Grünzeug am Mittwoch 062: Männermanifest und Genderdebatte | BLOG.GRUENE-BW.DE

    [...] von Silke schon erwähnt, gibt es ein grünes Männermanifest (ergänzendes beim Mitunterzeichner Dieter Janecek). Vieles am Manifest gefällt mir sehr gut. Wobei: eigentlich brauchen wir statt einem Mannifest [...]

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  8. Stephan Clemens

    Hallo Dieter, gerade ist noch ein interessanter Artikel zu “Vätern” bei der taz erschienen:
    http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/ideal-ist-wenn-beide-teilzeit-arbeiten/
    Geht auch etwas die Richtung, wie dein Blog-Eintrag. “Ideal ist, wenn beide teilzeit arbeiten”. Mir fehlt da noch ein “können”, weil eben gerade die ungleiche Bezahlung dazu führt, dass Teilzeit vom Mann weniger einbringt, als wenn die Frau quasi doppelte Teilzeit zuhause bleibt. Es steht und fällt mit dem Geld, d.h. entweder gibt es vom Staat Anreize, dass es für die Familie finanziell nicht so der Unterschied ist, ob Frau oder Mann in Teilzeit geht, oder aber die Einkommen müssen sich insgesamt mehr angleichen.
    Spannende Frage: Welche Arbeit ist uns wie viel Wert?
    Viele Grüße
    Stephan

  9. Wolfhard von Thienen

    Hallo Dieter,

    als ich heute beim Frühstück im Basisbrief Deinen Artikel las war ich richtig froh, dass endlich einmal jemand dieses Thema inhaltlich so annimmt, wie es sich aus meiner Sicht gehört. Ich glaube, ihr habt das Thema sehr gut getroffen. Sicherlich gibt es da den ein oder anderen Diskussionsbedarf, aber ich denke, ihr zielt mit euren Thesen genau ins Herz des Themas: Männer werden emotional durch das klassische Ernährermodell unterdrückt, die Arbeitswirklichkeit lässt für viele Familien kaum Spielräume zu einer Rollenteilung zu, die Emanzipation des Mannes hat noch nicht einmal begonnen, Jungen werden an Schulen und Kindergärten benachteiligt.

    Als Manager in einem anspruchsvollen IT-Beruf, musste ich mir die Freiräume, mich um meine Kinder zu kümmern, hart, mit dem Hinweis auf die Rechtslage erkämpfen. Einer meiner Chefs meinte, ich wolle mich jetzt auf meine Rente vorbereiten…Der Umstieg auf eine 4-Tage Woche wurde von vielen männlichen Kollegen mit neidvollen Kommentaren begleitet aber auch mit dem Hinweis, dass sie sich das nicht trauen. Finanazielle Einbussen waren mir da weniger wichtig, da ich in der IT-Branche ganz gut verdiene. Viele andere männliche Kollegen in weniger gut bezahlten Jobs können sich das nicht leisten. So manche Besprechung verliess ich pünktlich und liess die Endlosquatscher mit dem Hinweis zurück, ich hätte einen wichtigen Termin mit meinen Kindern. Was mich am meisten überraschte waren die oft bissigen Kommentare von sog. emanzipierten Frauen, denen das alles nicht genug war und das ganze als Alibigeschichte ansahen.

    Im Gegensatz zu den Frauen, die sich die Emanzipation hart erkämpft haben, sind viele Männer viel zu feige und widersetzen sich dem Druck, den unsere Leistungsgesellschaft ausübt nicht genügend. Meine Erfahrung ist, dass die Widerstände manchmal gar nicht so groß sind, wenn Mann sich traut. Immerhin gibt es einen Rechtsanspruch auf teilzeitarbeit! Die Emanzipation der Frauen ist hier viel weiter als die Emanzipation des Mannes. Dabei wäre diese mindestens genauso wichtig und ist lange überfällig und wir Männer lassen uns noch viel zu sehr emotional unterdrücken indem wir uns auf die Rolle des hart in der Wirklichkeit kämpfenden Versorgers zwängen lassen.

    Aber es muss auch ein grundsätzlicher Umdenkungsprozes in der Gesellschaft passieren, der insbesondere auch die Arbeitswirklichkeit betrifft. Leider sieht die Realität immer noch ganz anders aus und viele Familien können sich den Luxus einer gleichberechtigten Jobteilung gar nicht leisten.

    Im neugegründeten LAK “Kinder, Jugendliche und Mehrgenerationengesellschaft” werden wir uns auch des Themas annehmen, wie wir es schaffen können, unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswirklichkeit so zu gestalten, dass Männer und Frauen sich gleichberechtigt um die Kinder kümmern können.

    Gruß

    Wolfhard v. Thienen
    Sprecher LAK “Kinder, Jugendliche, Mehrgenerationengesellschaft”

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Über mich

Ich bin Landesvorsitzender von Bündnis 90 / Die Grünen in Bayern und schreibe über meine politische Arbeit, meine Gedanken zum politischen und gesellschaftliche Geschehen mit dem festen Willen abseits des politischen Mainstreams sich die Freiheit zu nehmen, auch mal quer zu denken. (mehr)

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