Besser ist mehr! – Bayerische Perspektiven
„Besser ist mehr!“ ist das Motto der bayerischen Grünen zur Debatte um Alternativen zum Dogma Wachstum. Qualität in den Vordergrund zu stellen, klassische Fortschrittsmodelle zu hinterfragen und positive Beispiele aus der Region für die Region in den Vordergrund zu stellen – das ist unser Ansatz.
Zwischen dem 17. und 20. Mai habe ich mich mit mehr als einem Dutzend solcher IdeentreiberInnen für ein neues grüneres Bayern bei Besuchen vor Ort zwischen Würzburg und Traunstein auseinandergesetzt und dabei einiges für die weitere Debatte mitgenommen. Großen Dank sei unseren Grünen vor Ort gesagt, die hochprofessionell und mit viel eigenen Ideen diese „Tour“ mitgestaltet haben! Wenn ich alle Begegnungen einzeln aufführte, würde das den Rahmen dieses Berichts leider sprengen.
Los gings am Montag in München-Laim bei Grontmij Auweck, einem international aufgestellten Planungsbüro, dass u.a. in Sachen Umwelt, Energie und Wasserversorgung aber auch Landwirtschaft und Ökologie die Kommunen berät.
In der Diskussion mit Prof. Auweck und den ProjektleiterInnen Claudia Bosse und Bernhard Dieker zeigte sich, dass Nachhaltigkeit und integrierte ganzheitliche Konzepte der einzige Weg sind, um den Kommunen auch in Zeiten leerer Kassen Perspektiven zu geben. Der Marktliberalismus als Doktrin hat leider auch kommunal längst noch nicht ausgedient, wie z.B. die immer wieder aufkeimende Diskussion um die Privatisierung der Wasserversorgung genauso zeigt wie die zahlreichen fehlgeleiteten Beispiele von Private Public Partnership. „Wachstum“ als Eigenziel im nächsten Landesentwicklungsplan für Bayern (2013) komplett zu streichen und durch qualitative Ziele zu ersetzen, wäre aus meiner Sicht schon mal ein wesentlicher Fortschritt zum Umdenken. Zudem leidet die Landespolitik unter dem Kompetenzgerangel der einzelnen Ministerien. Österreich macht uns in Sachen Regionalmanagement da einiges vor.
Nächste Station war Esting im Lkr. Fürstenfeldbruck: Ein erfolgreiches Modell in der Regionalvermarktung landwirtschaftlicher Produkte ist „Unser Land“, ein Netzwerk von zehn Solidargemeinschaften in elf Landkreisen rund um München sowie die Landeshauptstadt und seit Juni 2009 Augsburg mit Ursprung im „Brucker Land“, die als Pioniere 1993 im Landkreis Fürstenfeldbruck gestartet sind. Zusammen mit MdL Sepp Dürr sowie Gemeinderätin Ingrid Jaschke und den örtlichen Grünen habe ich den Hatzlhof in Esting besucht. Dieser ist ein Musterbeispiel, wie ein konventioneller Hof von Viehzucht auf Bio (Kartoffelanbau) umgestellt hat und damit erfolgreich wirtschaftet. Auf der Kartoffelhalle befindet sich eine PV-Anlage, die Betriebsfahrzeuge wurden umgerüstet auf
Pflanzenöl. Erfolgsfaktoren für „Brucker Land“ sind die Betonung der regionalen Identität, sozialer Zusammenhalt und Ehrenamt genauso wie die Einbeziehung wichtiger gesellschaftlicher Gruppen wie den Kirchen als tragende Säule, wie die Vorsitzende von “Brucker Land” Rita Multerer im Gespräch betonte.
In Begleitung von Beate Walter-Rosenheimer, Sprecherin des LAK Wirtschaft und Parteirätin, gings dann weiter nach Utting am Ammersee zum familiengeführten Unternehmen „Kaiser Haustechnik“. Das Unternehmen hat seinen Wirkungskreis im wesentlichen in der Region und treibt die Energierevolution von unten über innovative solarthermische Lösungen und die umweltgerechte und energiesparende Modernisierung von Heizungen voran. Gleichzeitig bildet Kaiser Haustechnik auch aus und bietet somit jungen Menschen in der Region eine Perspektive. Allerdings wird es zunehmend problematisch, qualifiziertes Personal in diesem Berufsfeld zu finden. Vor Ort nahmen wir uns auch die Zeit, Grundsatzfragen wie Alternativen zur jetzigen Wachstumslogik zu diskutieren, u.a. mit dem dortigen grünen Bürgermeister Josef Lutzenberger, der Mitinhaberin und grünen Gemeinderätin Sabine Kaiser und Detlef Däke vom grünen Kreisvorstand. Das Landsberger Tagblatt berichtete ausführlich.
Die Diskussion auch und gerade mit EntscheidungsträgerInnen aufzunehmen war der gezielte Ansatz bei der abendlichen Diskussionsrunde in Weilheim, initiiert vom dortigen Grünen-Kreisrat Marcus Reichenberg. Mit Persönlichkeiten aus Landwirtschaft, Mittelstand, Wissenschaft und Lokalpolitik konnten wir uns über zwei Stunden gewinnbringend austauschen. „Ein bemerkenswerter Abend“ schrieb das Weilheimer Tagblatt. Marcus kommentiert dazu auf seiner Homepage. In der Tat glaube ich, dass wir als Grüne mehr solcher Veranstaltungsformate in Dialogform testen sollten.
Grüne Beispiele für nachhaltige Landwirtschaft war das Thema des zweiten Tour-Tages. In Rottach-Egern besuchten wir die fast fertige Noch-Baustelle der Anfang Juni eröffnenden Naturkäserei Tegernseerland in Kreuth. Mit einem Investitionsvolumen von mehr als 3,5 Mio. Euro ist Hans Leo das Wagnis eingegangen, entgegen den üblichen Traditionen im Landkreis Verwertung und Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte, in diesem Fall Milch, Quark, Käse, selbst zu übernehmen. Selbstredend in Bioqualität – aus der Region für die Region, anstelle langer Transportwege und Fremdvermarktung. Begleitet wurden wir u.a. von Horst Böhner vom grünen Kreisverband sowie den Fraktionsvorsitzenden im Kreistag Elisabeth Janner und Beppo Rzehak.
In Stephanskirchen bei Rosenheim begegneten wir zusammen mit Else Huber aus dem grünen Kreisvorstand einem der wenigen Milch-Direktvermarkter in Bayern, Franz Kirmeier. Die Molkereigenossenschaften haben den Milchmarkt zusammen mit den großen Discountern voll im Griff. Als Angriff auf hergebrachte bäuerliche Strukturen empfanden es somit auch viele, als Kirmeier zusammen mit zwei weiteren landwirtschaftlichen Betrieben die Direktvermarktung und -belieferung in der Region in Angriff nahm. Der Hof setzt neben Milcherzeugung und -vertrieb auch stark auf Erlebnispädagogik. Natur nahe bringen, insbesondere unseren Kindern, aber auch gestressten ManagerInnen ist ein wichtiger Ansatz für ein respektvolleres Verhältnis von Mensch und Natur und dazu augenscheinlich ein funktionierendes Geschäftsfeld.
Traunstein war schließlich Station, um einen gänzlich neuen Weg der Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe zu erkunden: Der Chiemgauer als dortige mittlerweile seit 5 Jahren parallel zum Euro bestehende Regionalwährung hat mittlerweile einen Jahresumsatz von 4 Mio. Euro erreicht und verfolgt mit der Konzeption eines sich selbst entwertenden Geldes im Umlauf regionaler Partner, Unternehmen, etc. auch einen visionär anderen Ansatz als unser bestehendes auf Zinseszins basierendes Geldsystem. Sepp Daxenberger begleitete uns in der spannenden Abendveranstaltung hierzu, bei der auch Gegner dieses Regionalgeldes zu Wort kamen. Die grünen Kreisvorsitzenden Helga Mandl und Sabine Ponath, gleichzeitig Parteirätin, nahmen ebenfalls an der Diskussion teil. Das Presseecho war durchaus beachtlich.
In den Bereich der Hochtechnologie sind wir dann am folgenden Morgen in Würzburg bei a+f GmbH eingedrungen, einem stark expandierenden Unternehmen. Der Würzburger Grünen-Fraktionschef Matthias Pilz, Bezirksrat Michael Gerr sowie weitere grüne StadträtInnen wurden zusammen mit mir von Geschäftsführer Dipl. Ing. Thomas Petsch empfangen. Die a+f GmbH beschäftigt sich mit der Entwicklung, Projektierung, Realisierung und dem Service von Freiflächen-Nachführsystemen für Photovoltaik, sog. Sun-Carrier. In Verbindung mit leistungsfähiger Batterietechnik baut sie entsprechende Anlagen zu 95% im Ausland, bevorzugt für die Solarwende in sonnenreichen bis equatorialen Gegenden. 200 Mio. Umsatz aktuell und ein deutlicher Zuwachs an Arbeitsplätzen auch in Zeiten der Krise sind ein wirkliches Pfund für Würzburg. Die Mainpost berichtete.
Den Erneuerbaren Energien blieb auch mein Besuch in Nürnberg verbunden. Parteirätin Jutta Deinbeck hat hier ein spannendes Programm organisiert, dessen Auftakt nicht gegensätzlicher sein hätte können. Vom Nürnberger Hauptbahnhof (bei Sauwetter) wurde ich mit einem Velo-Taxi abgeholt (erst seit 28. April in Nürnberg im Einsatz). Zusammen einem Vertreter der auf kleinräumige dezentrale Lösungen ausgerichteten Bürgersolar- und Agenda 21 – Bewegung bin ich zum Stammsitz der Renewables Division von Siemens gefahren. Zwei Stunden diskutierten wir in Begleitung von Jutta und Lutz Bräutigam, Sprecher LAK Hochschule, Forschung & Technologie mit Stephan Schaller, Leiter Strategie Siemens Renewable Energy sowie Sven Harthun, Mitarbeiter von Renewables Chef Dr. Rene Umlauft, den ich 2009 bereits kennengelernt habe. Es ging u.a. um Perspektiven für den Weltmarkt der Erneuerbaren Energien vs. Konventioneller Kraftwerksbau, darum was große Konzerne mit Technologiekompetenz für die Erneuerbaren leisten sowie ob und welche Gefahren hierbei für dezentrale Ansätze bestehen. Natürlich sprachen wir auch über das heiß diskutierte Mega-Projekt Desertec ebenso wie über die dringend notwendige Modernisierung der Netze, Offshore, Repowering und vieles mehr. Ein paar Zahlen zur Dimension: Siemens beschäftigt mittlerweile 5.500 MitarbeiterInnen im Bereich Erneuerbare, Hauptschwerpunkte sind Solarkraftwerke sowie die Windkraft, on- wie offshore. Der aktuelle Weltmarkt der Erneuerbaren Energien wird sich laut Auskunft von Herrn Harthun von 2010 bis 2020 auf ca. 300 Mrd. Euro verdreifachen. Bereits heute wird in Deutschland mehr Geld für erneuerbare als für konventionelle Kraftwerkstechnik ausgegeben. Spannend war zu beobachten, dass anscheinend auch in einem Weltkonzern wie Siemens verschiedene Unternehmenskulturen miteinander um den richtigen Weg in die Zukunft ringen (Erneuerbare vs. Atom/Kohle, etc.).
In der Praxis lernt man dann doch am meisten und so haben wir nach dem Redaktionsgespräch bei den Nürnberger Nachrichten gemeinsam die Firma City-Druck besucht, die – ungewöhnlich für ein solches Unternehmen – mitten im Szene-Stadtteil Gostenhof in einem Altbau über mehrere Etagen platziert ist. Jürgen Bühler von den Effizienz-Profis ist gemeinsam mit dem Inhaber von City-Druck in unserem Beisein praktische Beispiele der Energieeffizienzsteigerung durchgegangen. In einem solchen Gebäude ist dies wahrlich kein leichtes Unterfangen. Erstaunt war ich auch über die hohen Kapitalkosten für einzelne Druckmaschinen, die leicht mal das Volumen einer Doppelhaushälfte umfassen. City-Druck setzt seine konsequente Umweltorientierung auch (zurecht) als Marketingmittel ein.
Die Ehre einer grünen Ortsverbandsgründung wurde mir am Abend in Weißenburg zuteil. Mein Fast-Namensvetter Marco Janeczek sowie Regina Sörgel konnten sich über großen Zulauf und viel Rückenwind für die örtlichen Grünen freuen. Auch VertreterInnen anderer Parteien (Linke, ödp) waren gekommen, um gemeinsam mit uns über die Wachstums- und Lebensstilfrage sowie die Suche nach Alternativen zu diskutieren. Regina ist zudem Mitglied in einem Verein zur Unterstützung der Idee des Grundeinkommens, eine Diskussion, die wir sicher auch gemeinsam weiterführen werden
„Sanfter Tourismus – Regionale Entwicklung“ war schließlich der Titel einer interessanten Podiumsdiskussion der Tölzer Grünen unter Leitung der Kreisvorsitzenden Barbara Schwendner, an der ich am Donnerstag Abend teilgenommen habe. „Leben spüren“ heißt das neu entwickelte Leitbild für die Region. „Urlaub in Einklang mit Natur, Land und Leuten“ ist die einzig richtige Orientierung, die die Grünen zurecht einfordern.
Fazit: Bayern befindet sich bereits mitten im Wandel und der ist oftmals grüner als viele wahrhaben wollen. Uns bayerische Grüne kommt die entscheidende Rolle zu, Antreiber und Ideengeber für alternatives, ökologisches Wirtschaften, Leben und Handeln zu sein und dies zusammen mit einer klaren Werteorientierung. Hierzu bald wieder mehr unterwegs und an dieser Stelle im Blog.

Am Donnerstag, 9. Dezember 2010 um 22:03 Uhr.
[...] bis hin zu Fragen sozialer Grundsicherung, etc. ringt. Dabei unterscheidet uns allerdings, dass wir den vorherrschenden Fortschritts- und Wachstumsbegriff in Frage stellen. Erst vor einigen Wochen habe ich als Denkanstoß in dieser Richtung zusammen mit einigen anderen [...]