20 Jahre Münchner Backstage
Am morgigen Dienstag (11.01.) feiert das Neuhauser Kulturzentrum Backstage seinen 20. Geburtstag. Auf diesem Wege die besten Glückwünsche! Das Backstage hat für die Jugendkultur und deren Freiräume in München Großes geleistet – und dies oft gegen erhebliche teils existenzbedrohende Widerstände. Der Stadt München sei gedankt, dass sie im Zweifelsfall immer unterstützend tätig war.
Nun ist München ja ohnedies nicht gerade der Hort alternativer Subkulturen. Dass sich das Backstage hier über 20 Jahre halten konnte, grenzt fast schon an ein Wunder. Ich kann mich u.a. noch gut an eine spontane Solidaritätsdemo erinnern, die Grüne Jugend und Jusos vor gut zehn Jahren für den Fortbestand auf dem damaligen Bahngelände durchgeführt haben. Über die Jahre war und ist das Backstage immer ein guter Ansprech- und Kooperationspartner für die Jugendverbände und politisch Aktive.
Nun haben wir 2011 und wieder gibt es diverse Probleme und zwar nicht nur aufgrund schwieriger städteplanerischer Vorgaben am neuen Standort. Im Sommer 2009 hatte das Backstage wie ein Jahr später auch das Chiemsee Reggae Summer (erneut) die komplexe und äußerst emotional geführte Debatte um sog. Hassmusik ereilt, die vornehmlich auf jamaikanische Dancehall Reggae Künstler (ausschließlich Männer) und deren homophobe Äußerungen abzielt. Den Auftritt von Sizzla im Backstage damals halte ich allerdings auch im Nachhinein im Kontext seiner offenen teils drastisch schwulenfeindlichen Hetze und uneindeutigen Distanzierung hiervon für einen Fehler, auch wenn ich andere Sichtweisen wie vom Geschäftsführer der Berliner Kulturbrauerei durchaus respektiere. Grundsätzlich muss nach meinem liberalen Verständnis gelten: Auftrittsverbote in einem demokratisch kontrollierten Rechtsstaat sollten nur als Ultima Ratio ausgesprochen werden. “Wo die Grenzen sind, ist jedem klar: Antisemitismus, offene Gewaltverherrlichung gegen Minderheiten oder neonazistische Parolen stehen außerhalb der Kunstfreiheit.”, schreiben Neuhauser Grüne im aktuellen Stadtrundbrief der Münchner Grünen.
Darüber hinaus muss sich aber im Zweifelsfall mit den kulturellen Hintergründen und Prägungen im Kontext des Gesamtwerks eines Künstlers auseinandergesetzt werden, insbesondere wenn er oder sie nicht aus der wohlgenährten “aufgeklärten” ersten Welt stammt. Sonst kommen wir nämlich schnell in den Wald und Richtung Zensurbehörde. Die taz hat sich solchen Hintergründen in einer Artikelreihe ausführlich gewidmet, u.a. mit einem spannenden Interview mit der jamaikanischen Professorin für Kulturwissenschaft Carolyn Cooper. Im übrigen sorgen Forderungen nach Einreiseverboten für Künstlerinnen und Künstler innerhalb einer Partei, die sich für die Belange von Flüchtlingen einsetzt, bei mir für Befremden.
Die Münchner Grünen haben sich auf Initiative der Grünen Jugend dankenswerterweise auf einer Stadtversammlung im vergangenen Mai kontrovers mit dem Thema auseinandergesetzt. Die inhaltliche Tiefe der Diskussion scheint mir aber weiterhin nicht ausreichend. Es fehlt schlichtweg an einem offenen Dialog der beteiligten Akteure.
Nicht nur deshalb halte ich die aktuelle Debatte um eine vermeintliche Rechtslastigkeit des Backstage im Zusammenhang des Auftritts der “Deutschrock”-Band Frei.Wild für verfehlt. Wer solche Vorwürfe erhebt, muss dann bitte auch “Butter bei die Fische” geben. Das “Antifaschistische Infoblatt” müht sich mit allerlei Interpretationen um einen konsistenten Nachweis. Wenn allerdings der Verweis auf verwendete Liedzeilen zu Heimat und Erbe gleich als Ausweis von “völkischem Nationalismus” gelten, müsste man die gesamte Volksmusikszene in die im Artikel postulierte “Braunzone” einstufen.
Das Backstage selbst hat sich gegen entsprechende Vorwürfe mit einem eigenen Statement verwahrt, wobei auch dieses mir zu viele haltlose Interpretationen liefert. Auch laut.de bemüht sich um eine Einordnung und widerspricht darin den Vorwürfen von lautgegennazis.de. Tja, was nun? Wie schwierig und komplex die Musikszene ist, zeigt das Beispiel der “linken” Skinhead-Band Stomper98. Sei’s drum: Mir gehts auch nicht um Frei.Wild, sondern etwas Prinzipielles.
In der freien Kultur- und Jugendszene wird es (und muss es wohl auch) immer Grauzonen geben. Das war 1968 nicht anders als 2011.
Und entsprechende Debatten um die Grauzone werden ja in einer offenen Demokratie auch durchaus geführt, wie die Statements der Metal-Festivals Wacken und PartySan rund um den Auftritt der Coburger Pagan-Metal Band VARG 2010 zeigen. Deren Sänger hatte eingestanden, in der Vergangenheit mit der rechten Szene in Kontakt gestanden zu haben.
Nach längerer und heftig geführter Diskussion haben die Veranstalter im Fall von VARG von einem Auftrittsverbot abgesehen: “Warum sich einer aus dem Dunstkreis der Rechten befreit, ob aus moralischen oder kommerziellen Gründen, ist uns dabei egal. Wichtig ist, dass es so ist und wir den Eindruck haben, dass dieser Vorgang nicht umkehrbar ist.”
Nun: Wer kann das bei VARG wie bei Frei.Wild verbindlich nachprüfen, inwieweit eine solche Distanzierung von der eigenen rechtslastigen Vergangenheit glaubwürdig ist? Ich will mir das nicht anmaßen.
Roland Zintl, Vorsitzender des Kulturausschusses im Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg, erklärt zur Problematik “Grauzone” in einem Artikel für den aktuellen Stadtrundbrief der Münchner Grünen (pdf, S. 15): “Jeder aber, der sich nur im Ansatz mit den Subkulturen von Punk, Metall, HipHop oder auch Dancehall Reggae befasst, weiß, dass Themen wie Gewalt, verbale Provokation, Machismus und manches mehr schnell im Grenzbereich der künstlerischen Ausdrucksfreiheit liegen können.” Zintl stimmt mit dem Backstage überein, “dass es besser ist, anlassbezogen den Dialog mit der Szene und den Künstlern und Jugendlichen zu suchen als über Verbote zu agieren. Als Jugendkulturzentrum ist das Backstage mit seiner eindeutig antirassistischen Haltung und dem vorhandenen Kenntnisreichtum der Komplexität der Szene hierfür auch genau der richtige Ort!”
Letzter Satz ist für mich der entscheidende. Denn was ist denn im Sinne einer lebendigen vielfältigen demokratischen Jugendkultur zielführend? Jugendliche und die mit ihnen verbundenen Kultur- und Musikszenen, die ihre Kontroversen in ihrer Vielfalt in sich tragen, auszugrenzen? Oder ist es nicht doch besser – soweit irgend möglich und sinnvoll – den aktiven Dialog vor Ort zu suchen und zu akzeptieren, dass “manch unbequeme Debatten und die Auseinandersetzung mit politischen wie persönlichen Einstellungen, die abseits des Mainstreams liegen” auch zum Tagesgeschäft gehören. Dialog, Dialog und nochmals Dialog! Das ist es, was wir brauchen, so beschwerlich es oftmals sein mag.
Fazit: Mir ist es auf jeden Fall lieber, dass kontroverse Diskussionen im und mit Institutionen wie dem Backstage geführt werden, als dass noch mehr Jugendliche in die überkommerzialisierten Komasauf-Etablissments entlassen werden, die wir zunehmend der hiesigen “Jugendkultur” zuordnen müssen.
Wenn es nun endlich den ernsthaften Gesprächsansatz der Beteiligten geben würde, der seit langem versprochen wird, dann wäre auf jeden Fall sowohl für das Backstage als auch für die Jugendkultur und den Umgang mit der alternativen Musikszene etwas gewonnen. In diesem Sinne: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Am Montag, 10. Januar 2011 um 23:08 Uhr.
Wirklich Nett! Gefaellt mir! Wo ist denn der Facebook-Like-Button?
Am Dienstag, 11. Januar 2011 um 12:51 Uhr.
Wenn sich einer aus rein kommerziellen Gründen “aus dem Dunstkreis der Rechten befreit”, dann ist das eben nicht egal. Dann kann er den Neger immer noch nicht ab, findet die Schwuchteln widerlich und den Führer ganz prima. Er sagt’s halt nur nicht laut und kappt seine sichtbaren Kontakte zur rechten Szene, weil er den kommerziellen Erfolg sonst vergessen kann.
Wem das egal ist, wer kein Problem mit solchen Einstellungen in einem “alternativen Jugendkulturzentrum” hat, der hat das Problem des Rechtsextremismus in seiner Gänze wohl nicht erkannt. Da passt es ja ganz gut, dass das Backstage seit geraumer Zeit auch nur noch ein überkommerzialisiertes Etablissment unter vielen ist.
Am Donnerstag, 13. Januar 2011 um 09:50 Uhr.
1) Was heißt “überkommerzialisiert”? Das Backstage arbeitet ohne öffentliche Mittel und leistet trotzdem wertvolle Arbeit für die Integration und Freiräume von Jugendlichen.
2) Alles andere ist Interpretation und Spekulation.
Am Friday, 14. Januar 2011 um 19:35 Uhr.
Wie gut, dass man im sich im Backstage “unkommerziell” zukippen kann, 1l Bier 2,99:
http://backstage.eu/index.php/veranstaltungen/details/655-abzapft%20is%20-%20billig%20bier
Aber es ist ja das gute Backstage. Komasaufen??? Niemals!!!
Am Montag, 17. Januar 2011 um 01:55 Uhr.
Es gibt so etwas wie eine Faschismusforschung, mit der sich der Verfasser des Blogeintrages wohl noch nie auseinander gesetzt hat.
Sonst würde er niemals Frei.Wild. die Absolution erteilen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Faschismustheorie
(Definition des Faschismusbegriffs beachten)
Die Verteidigung der Dancehall-Szene, mit dem Verweis auf eine angebliche Rückständigkeit der jamaikanischen Bevölkerung ist astreiner Kulturrelativismus und deshalb ganz schön überheblich.
Ich denke nicht das Weiße aus der Ersten Welt die Bevölkerung Jamaikas “aufklären” muss.
Homophobie ist nicht teil von Kultur wer das leugnet stellt sich auf die Seite derjenigen die Hass gegen Homosexuelle sähen.
Außerdem ist das Backstage dafür bekannt, Angestellten den Lohn zu verweigern und das in mehr als einem Fall und über einen längerem Zeitraum.
Diese Fälle fehlen in der Lobeshymne auf einen Geschäftsmann der angekündigt hat möglw. 3-10 Millionen Euro für einen neuen Backstage standort auszugeben aber seine Angestellten nicht zahlt.
http://www.wochenanzeiger-muenchen.de/redaktion/lokalredaktion-muenchen/aktuelle-nachrichten/Sechs+Meter+unter+die+Erde_29981.html
Liberalismus ist dann keiner mehr wenn er Partei ergreift für jene die Hass gegen andere schüren oder eine strukturell eindeutig Rechte Ästhetik pflegen.
Positionen wie diese kommen mir eher von einer anderen Partei aus Bayern bekannt vor, die mit dem C im Namen.
Ich frage sie: sind solche Positionen kennzeichnend für Grüne Politik?
Am Mittwoch, 19. Januar 2011 um 10:48 Uhr.
Danke für den spannenden Blog-Eintrag.
Ich teile Deine Meinung in den meisten Punkten, vor allem Deine Einschätzung, wie mit Bands wie Frei.Wild umzugehen ist: Kritische Auseinandersetzung statt Verbote sind demokratischer und letztlich – hoffentlich – auch zielführender.
In Deiner Einschätzung der Volksmusikszene sowie von Frei.Wild möchte ich Dir aber widersprechen:
„Wenn allerdings der Verweis auf verwendete Liedzeilen zu Heimat und Erbe gleich als Ausweis von ‚völkischem Nationalismus’ gelten, müsste man die gesamte Volksmusikszene in die im Artikel postulierte ‚Braunzone’ einstufen“: Erstens besteht die Volksmusikszene bei Weitem nicht nur aus dem weichgespülten und kommerziellen Zeug bei Musikantenstadl und Co. Wenn Du Dir die im Moment sehr lebendige Szene in Bayern anschaust, gibt es hier sehr viel jenseits von rührseliger Heimatverherrlichung und weißblauem Kitsch. Ganz abgesehen davon, was Volksmusik alles sein kann, gibt es einen großen Unterschied zwischen dem meiner Meinung nach zwar einfältigen, aber harmlosen Heimatkitsch der kommerziellen Volksmusik und den Texten von Frei.Wild. Die Band reproduziert zwar den Volksmusik-Kitsch zum Beispiel mit der wiederholten Bezugnahme auf die Schönheit der Berge und der Heimat, verbindet diesen aber mit eindeutigen nationalistischen politischen Forderungen, z.B. nach einem Großtirol. Ein Zitat: „Vom Brenner bis Salurn, vom Vinschgau bis nach Osttirol, erstreckt sich dieses Land, gebaut durch Gottes Hand. Nichts schöneres als dieses, in alle Ewigkeit, gibt’s hier auf dieser Erde, seid ihr bereit?“. Das klingt nach einer tiroler Version der ersten Strophe des Deutschlandsliedes und hat mit Alpenromantik à la Florian Silbereisen und Co. nichts mehr zu tun. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass Marianne und Michael zum Steinwerfen für Großtirol einladen oder auf Veranstaltungen auftreten, die dafür werben, Ausländer abzuschieben. Die Texte einiger Songs von Frei.Wild strotzen nur so von Chauvinismus und Nationalismus bis hin zum Aufruf zu Gewalt – ganz abgesehen von sexistischen Textzeilen, die eng an neonazistische Idealvorstellungen anknüpfen. Hier muss man nicht bemüht interpretieren: Das von Dir kritisierte Antifaschistische Infoblatt analysiert die Texte sauber. Wenn man sich die derzeitige, in Bayern leider auch aktive Szene von rechten Bands anschaut, fällt auf, dass sich viele rechte Musiker von den ganz platten, volksverhetzenden oder antisemitischen Parolen distanzieren. Die Botschaften werden subtiler gesetzt, denn damit ist es einfacher, Jugendliche anzusprechen als mit proletenhaften Skinhead-Texten. Songs von treuen Mädel, gemeinsamen Heldentum und dem Kampf für die ‚Heimat’ sind einfacher zugänglich als klare Hetze. Genau das kann man auch auf der regelmäßig verteilten NPD-Schulhof-CD beobachten: Die rechtsradikale Botschaft der Songs wird von den Jugendlichen oft gar nicht erkannt, weil sie eben nicht plakativ gewaltvoll, ausländerfeindlich oder NS-verherrlichend daher herkommen. Ich sehe ich einen klaren Unterschied zwischen Bands wie Frei.Wild und rührseliger (und meist vollkommen unpolitischer!) Volksmusik. Umso wichtiger, mit den Fans dieser Bands in die Diskussion zu gehen.
Am Donnerstag, 20. Januar 2011 um 02:41 Uhr.
@Philip Schwierige Debatte. Maß Bier für 3 Euro = Komasaufen? Ich finds zu billig, ja. Setzt falsche Anreize. Andererseits wird dem Backstage von manchen wieder vorgeworfen, die Getränke seien nicht günstig genug. Ist es besser, wenn andere Etablissments dann das 0,3er Becks Gold für 3,50 anbieten? Prinzipiell haben wir das Problem, das alkoholische Getränke oft immer noch die günstigsten Getränke sind. Das ist aber eine ganz andere Debatte.
@Socialist 1) “Kulturrelativismus”? Bitte Nachweis erbringen … Die Komplexität von Zusammenhängen zu beschreiben, nehme ich mir trotzdem heraus 2) Das Backstage wird auf halbem Flächenstandort der jetzigen Fläche sich dauerhaft positionieren, nachdem über Jahre der Standort gewechselt werden musste. Das kostet Geld, investiert wird aus Eigenkapital (Kreditfinanzierung). So what? Das ganze Ding wurde aus dem Nichts aufgebaut. Was für ein pseudolinkes Geheuchel, sorry! 3) “Wer nicht Socialists Meinung ist, ist rechts und nicht liberal/grün”? Schwarz/Weiß/Schwarz/Weiß? – Nö …
@Patricia Danke für den Hinweis. Wir haben ja auch im Gespräch bereits hierüber diskutiert. Meine Grundargumentation ist: 1) Grauzonen muss man – wenn immer möglich – mit Dialog begegnen. Die Alternative wäre die Verdrängung in Räume, in denen kein Dialog mehr stattfinden kann. 2) Der Strategie der subtilen Anpassung rechtsextremer Szenen an die gesellschaftliche Mitte ist mir bewusst. Die Debatte darüber ist schwierig, die (notwendige) Beweisführung oftmals schwer. Trotzdem müssen Belege vorgeblich rechter Gesinnung und Ausrichtung stichfest sein, sonst kommen wir schnell in eine unübersichtliche Zensurdebatte.
Am Sonntag, 6. February 2011 um 17:15 Uhr.
Sehr interessanter Beitrag, sehr objektiv und ohne die leidigen Vorurteile. Besonders die Band Frei.Wild betreffend. Bravo Herr Janecek