USA (III): Die Hoffnung kommt vom Westen

10 Tage ist es nun schon wieder her, seit ich aus den USA wiedergekehrt bin. Über die Begegnungen und zahlreichen Gespräche im Rahmen der Rundreise “Climate Change and Clean Energy” an der Ostküste habe ich in zwei Blogeinträgen ausführlich berichtet. Spannend ist die Entwicklung der “Occupy Wall Street” Bewegung, deren Beginn ich am 16. September an der Wall Street in New York noch erleben durfte. Man kann nur hoffen, dass der Druck der Straße hier weiter zunimmt und endlich auch in den USA eine breite gesellschaftliche Debatte über den schädlichen Einfluss von “Big Business” und der Finanzindustrie auf das Gemeinwesen beginnt. Paradoxon Deutschland: Während weltweit die sozialen Bewegungen Zuspruch finden wie in Chile, Spanien, Israel, Griechenland und jetzt auch den USA, konzentrieren sich bei uns aktuell Proteststimmen auf eine Partei, die keinerlei Programmatik zu sozialen, emanzipativen, ökologischen geschweige denn Fragen der Finanzmarktregulierung hat.

Was die Energiewende und progressive Klimaschutzpolitik angeht, kommt die Hoffnung in den USA eindeutig aus dem Westen. So bekennt sich der Staat Washington zu den Kyoto-Zielen. Die für US-Verhältnisse “grüne” Metropole Seattle hat sich einen ambitionierten “Climate Action Plan” gegeben, der eine stufenweise Reduzierung der CO2-Emissionen um 80% bis 2050 vorsieht. Hilfreich ist dabei allerdings auch die Tatsache, dass die Stromerzeugung vorrangig auf Wasserkraft basiert, die gerade im Grenzgebiet zu British Columbia massiv genutzt werden kann.
Als siebtgrößte Wirtschaftsnation der Welt übernimmt Kalifornien eine Führungsrolle in den USA bei der Energieffizienz, dem Ausbau der Erneuerbaren Energien ebenso wie bei der Einführung klimafreundlicher KfZ-Standards. Initiativen wie “Sustainable Silicon Valley” oder die “Green Collar Jobs” Campaign umfassen auch Netzwerke von Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, die in Richtung Nachhaltigkeit arbeiten. Die Einbeziehung von Unternehmen und insbesondere des Mittelstandes in Verknüpfung mit der Bürgergesellschaft ist aus meiner Sicht auch der zentrale Ansatz, der bei uns in Deutschland zum (zwischenzeitlichen) Erfolg geführt hat.

Teile der Gletscher des Mount Rainier zwei Stunden nördlich von Seattle, die insgesamt an die 90qkm Fläche abdecken.

Spannend war die Auseinandersetzung mit diversen Think Tanks in San Francisco. Das “Breakthrough Institute” arbeitet als “überparteilicher” Think Tank an einer Strategie “Climate Pragmatism”, das die verfeindeten politischen Lager sowie Big Business, Erdöl- und Nuklearindustrie zusammenbringen soll. Kernthese des durchaus spannenden Berichts “Climate Change: Innovation, Resilience and No Regrets” ist, dass der Staat massive finanzielle Anreize geben und Rahmenbedingungen setzen soll, um eine neue technologische Revolution in Richtung Energieffizienz zu ermöglichen. Dieser Ansatz ist im Prinzip auch lobenswert. Für falsch halte ich, dass der Klimawandel als solches überhaupt nicht mehr im Zentrum der Debatte steht, ganz zu schweigen von der aberwitzigen Vorstellung, die Atomenergie könnte einen Beitrag zur Bewältigung der Ressourcenkrise leisten. Entsprechend emotional war dann auch die Stimmung in unserer doch den Erneuerbaren Energien als Lösungskonzept sehr zugeneigten europäischen Reisegruppe.
Bei der “Union of Concerned Scientists” wurde nochmal ein Grundproblem in den USA deutlich: Der Klimawandel als solcher wird von breiten Teilen der öffentlichen Meinung sowie durch gezielte Kampagnen wie der hochsubventionierten Erdölindustrie schlichtweg ignoriert oder gar geleugnet. Die Umweltbewegung in den USA hat diesen Kampf um die Deutungshoheit vorübergehend verloren. “Global Warming” oder “Climate Change” sind keine zentralen Begriffe der politischen Auseinandersetzung mehr. In Deutschland, ja in weiten Teilen Europas erleben wir das Gegenteil. Um die Diskussion um die Atomenergie in den USA zu verstehen, empfiehlt sich ein Blick auf die Homepage der “UCSUSA”.
Eine Debatte um Wachstumskritik und die Grenzen des Wachstums an sich sucht man in den USA übrigens vergebens. Allenfalls das Gespräch mit den Grünen in San Francisco hat hierzu ein paar Fragen aufgeworfen. In einer Nation, in der der Kapitalismus für relevante Teile der Gesellschaft weiterhin so etwas wie eine Staatsreligion ist, ist der Glaube an Wachstum als Ausdruck von Fortschritt (noch) ungebrochen.

Zu Besuch bei den Grünen in San Francisco http://www.sfgreenparty.org/ Sanda Everette (rechts) treffe ich im November in Paris wieder beim Kongress der Europäischen Grünen

Spannend war unser Besuch beim weltweit größten Flugzeughersteller Boeing an seinem ehemaligen Stammsitz in Seattle. Hauptthema war allerdings nicht eine Grundsatzdiskussion über die notwendige Begrenzug des Flugverkehrs weltweit, sondern Effizienzpotentiale beim Fliegen auf der technischen Seite (Fluglogistik, Leichtbau, Neukonzipierung) sowie der Einsatz von Biofuels. Zum Flugverkehr als solchen: Meine persönliche Klimabilanz dieser Reise macht die CO2-Ersparnisse 15 innerdeutscher Nachtzugfahrten dieses Jahr mehr als zunichte, das ist Fakt. Trotzdem: Wir werden auch im Jahr 2050 in einer Welt leben, in der wir nicht ausschließlich Urlaub im Bayerischen Wald machen und internationaler Austausch auch über Kontinente hinweg stattfinden wird, ja muss. Was also tun? Die Debatte um die Begrenzung des Flugverkehrs führen wir aktuell mit großer Vehemenz in Bayern bei der 3. Startbahn und sie ist notwendig und richtig, da das Wachstum im Flugverkehr hochsubventioniert und künstlich angeheizt ist.

Noch zu wenig beachtet ist die aus meiner Sicht zentrale Debatte um die künftige Verfügbarkeit der Ressourcen und in diesem Zug mögliche Substitute für fossile Energien im Flugverkehr. Während man das Automobil weitgehend elektrifizieren, die Versorgung mit Wärme und Strom auf erneuerbaren Energien umstellen, im Gebäudebereich und Industrie massiv Energie einsparen kann, gibt es für den Flugverkehr physikalische Begrenzungen. Eine elektrifzierte Hybrid-Lösung ist auf jeden Fall nicht in Sicht. Da auch die Fluggesellschaften wie die Flugzeugbauer wissen, dass der Preis von Kerosin wesentlich für ihre Kalkulationen ist, suchen sie nach neuen Strategien in dem Wissen, dass Peak Oil in der Wissenschaft längst als realistisches Szenario akzeptiert wird.

Bluegrass Festival in San Francisco. Chris Isaak, Robert Plant und viele andere Giganten kostenlos im Golden Gate Park http://www.strictlybluegrass.com/

Was über kurz oder lang folgen wird, sind Verteilungskämpfe der Industrien und Verbraucher (verbrauchenden Staaten) um Treibstoffe aus erneuerbaren Rohstoffen. Auch Boeing ist sich dessen bewusst. Die Debatte um die ökologisch wie sozial verträglichen Grenzen der Herstellung von Biofuels muss schnell geführt werden. Natürlich sind noch erhebliche Effizienzsprünge bei der 2. und dann 3. Generation dieser Treibstoffe zu erwarten. Die von manchen gepflegte Vorstellung aber, dass wir weite Teile des weltweiten Automobilverkehrs auf Biofuels umstellen, gleichzeitig Biogas im erheblichen Umfang für Verstromung und Wärme einsetzen und dann auch noch den aktuell steigenden Bedarf der Flugindustrie perspektive Schifffahrt sowie den nicht zu elektifizierenden Schwertransport decken, ist aberwitzig und würde in der Konsequenz zu einem gewaltigen ökologischen Desaster führen. Corn Ethanol wird mit 27 Mrd. Dollar bereits jährlich in den USA subventioniert, die Ölindustrie im Vergleich mit rund 70 Mrd., Erneuerbare folgen weit dahinter. Wer in Deutschland zurecht die Begrenzung des Flugverkehrs fordert, muss gleichzeitig in aller Konsequenz für ein konsistentes Hochgeschwindigkeitsnetz einer mittelfristig voll elektrifzierten Bahn auf Basis erneuerbarer Energien eintreten. Denn auch ein ICE mit 300 km/h ist aktuell kein Klimaschutzwunder. Und das darf dann widerum nicht zu Lasten des Bahnverkehrs in der Fläche gehen, ich weiß …

Ihr seht also: Fragen über Fragen, die offen bleiben. Ich kann nur dankbar sein, diese Möglichkeit erhalten zu haben, meinen Horizont diesbezüglich in drei Wochen in den Vereinigten Staaten zu erweitern. Mindestens genauso wichtig erscheint mir das Netzwerk an Menschen aus den europäischen Staaten, das entstanden ist und bleiben wird.

7 Antworten auf “USA (III): Die Hoffnung kommt vom Westen”

  1. Wolfgang Schmidhuber

    Wäre es nicht an der Zeit, dass die Grünen ihre in der Atomdebatte erprobte Kampagnenkraft auch auf das Thema Finanzindustrie wenden? Die Gelegenheit, den Impuls aus den USA zu einer breiten Mobilisierung bei uns zu nützen, scheint günstig.

  2. dieter_janecek

    Ja, genau das Thema hab ich aus den Erfahrungen in den USA auch bei der Stadtversammlung der Münchner Grünen am Montag angesprochen. Sven Giegold z.B. ist da im Europa-Parlament schon gut vernetzt für uns. Inhaltlich arbeiten wir da ganz gut dran, aber die breite Mobilisierung in der Gesellschaft fehlt bislang. Die SZ hat gestern einen guten Artikel zur Situation hier veröffentlicht. Die Frage ist halt, wie kriegt man ein schlagkräftiges Bündnis zusammen. Occupy Deutschland könnte ein erster Ansatz sein. Campact u.a. haben ja auch immer wieder Initiativen gestarten zur Bankenregulierung, etc. http://www.sueddeutsche.de/geld/buerger-gegen-finanzindustrie-steht-endlich-auf-und-empoert-euch-1.1158036

  3. dieter_janecek

    Klaus Linsenmeier von der Boell Stiftung Washington DC hat ein paar interessante Hintergründe zur Occupy Wall Street Bewegung in den USA zusammengeschrieben: http://www.boell.de/wirtschaftsoziales/wirtschaft/wirtschaft-besetzt-die-wall-street-hintergruende-der-amerikanischen-protestbewegung-13032.html

  4. Dieter Janecek » Blog Archive » Endlich: Schluss mit der Wachstumslüge!

    [...] Mitte-Rechts Think Tanks wie das “Breakthrough Institute”, das ich mit einer europäischen Delegation im September selbst in San Francisco besucht habe, versuchen mit Strategien wie “Climate Pragmatism” großindustrielle Lösungen zum [...]

  5. Dieter Janecek » Blog Archive » Auf der Straße

    [...] schwappt langsam von den USA nach Deutschland rüber. Ich hatte selber Gelegenheit bei ihrem Auftakt an der Wall Street New York am 16. September 2011 dabei gewesen zu [...]

  6. Maxi Deisenhofer

    Servus Dieter,

    nachdem ich im März jetzt selber drei Wochen in den USA war, wollte ich ein paar deiner Gedanken noch erweitern bzw. noch eine andere Perspektive ergänzen. Ich war ja als ganz “normaler” Tourist in den Staaten und nicht als Teil einer politischen Delegation. Dementsprechend waren meine GesprächspartnerInnen auch eher der “normalen” Bevölkerung zuzuordnen. Zusammenfassend lässt sich sagen:

    1. Das zentrale Thema ist und bleibt die Wirtschaft. Sobald sich das Gespräch um ein politisches Thema drehte, dauerte es keine drei Sätze bis “the economy” oder “As you know, the economy at the moment…” kam. Im kommenden Wahlkampf werden die bekannten Messwerte Wirtschaftswachstum, Inflation und Arbeitslosenquote deshalb wieder eine zentrale Rolle spielen. Die Lage in der US-Wirtschaft wird direkt mit der Politik des Präsidenten verknüpft und diese dadurch beurteilt. Außenpolitik und selbst Kriegspolitik waren zweitrangig wenn nicht gar drittrangig hinter der Frage, ob es eine verpflichtende Krankenversicherung denn wirklich braucht. Die Fokussierung auf das Thema Wirtschaft war unabhängig von Alter oder Ethnie der Gesprächspartner zu beobachten.

    2. Abgesehen davon sind mir zwischen den Bundesstaaten extreme Unterschiede in der Mentalität der Leute aufgefallen. Als wir von Kalifornien (genauer gesagt San Francisco) nach Arizona gefahren sind, war das wie ein ganz anderes Land. Spiegelt sich ja auch überdeutlich in den Wahlergebnissen nieder. Vergleichbar bis zu einem bestimmten Level war das für mich mit dem Unterschied zwischen Stadt – und Landbevölkerung hier in Bayern: Teils völlig verschiedene Traditionen, Feierlichkeiten und Verhaltensweisen… In Arizona konnten wir dann auch beobachten, bei welchen Bevölkerungsgruppen die Tea Party ihre Wurzeln und Unterstützer hat – spannende aber wenig ergiebige Diskussionen…

    3. Es gibt noch Flecken, wo die USA so sind, wie ich sie mir in meiner Kindheit vorgestellt habe (heute bestimmt durch die Medien doch die amerikanische Weltpolitik meine Sichtweise…)oder zumindest so ähnlich – entspannte Leute, die unter tags Surfen und Abends mit den Touristen ein Bierchen trinken oder zwei und eine grandiose Gelassenheit und Sorgenfreiheit ausstrahlen. So geschehen am Pacific Beach in San Diego :-)

    Einen interessanten Einblick konnte ich zudem durch Gespräche mit Mitarbeitern der Firma Tesla Motors (http://www.teslamotors.com/) gewinnen. Tesla stellt Elektroautos her und ist mit seinen Konzeptionen von Sportwägen und Elektro-SUVs in seiner gesamten Entwicklung schon eher auf den amerikanischen Markt ausgerichtet. Bisher bewegen sich die Autos preislich im absoluten Oberklasse Segment – in die Forschung und Optimierung der Elektromotoren wird aber viel Geld und Energie gesteckt. Die entwickelten Motoren könnten bei Bedarf dann auch in kleinerem Umfang in kleinere Karosserien eingebaut werden um so evtl. einen elektrisch betriebenen Kleinwagen in Massenproduktion herzustellen. Interessant war auch, wo Tesla Mitarbeiter anheuert und wieviele ehemalige Tesla-Mitarbeiter später wieder in deutschen Automobilkonzernen landen.
    Teilweise erscheinen die Pläne von Tesla ziemlich revolutionär, aber nicht umsonst hat das Unternehmen seinen Sitz mitten im Silicon Valley. In München betreibt Tesla einen “Show Room” in der Blumenstraße, den ich mir bei nächster Gelegenheit mal anschauen werde.

  7. Dieter Janecek

    Danke Maxi. Ja, Amerika ist sehr vielfältig. Eine USA gibt es nicht, Pauschalurteile sind nicht angebracht. Und die Größe des Landes schafft ein anderes Umfeld als wir es in Europa gewohnt sind.
    Zu Tesla haben wir es leider nicht geschafft. Dies sind ja mittlerweile auch in Deutschland, u.a. in München mit Depandancen aktiv.

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Über mich

Ich bin Landesvorsitzender von Bündnis 90 / Die Grünen in Bayern und schreibe über meine politische Arbeit, meine Gedanken zum politischen und gesellschaftliche Geschehen mit dem festen Willen abseits des politischen Mainstreams sich die Freiheit zu nehmen, auch mal quer zu denken. (mehr)

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