Vom Wert der Umfragen in Medien und Politik

Jeden Mittwoch früh erscheint die wöchentliche Forsa-Umfrage zum Bundestrend der Parteien. Die Nachrichtenagenturen stürzen sich drauf und es entstehen Schlagzeilen. Sieger und Verlierer der Woche werden ausgemacht und vermeintliche Trends daraus destilliert. Wer bei Google mal “Grüne legen zu” oder “Grüne verlieren” eingibt, findet allein für 2011 Dutzende Einträge zu unterschiedlichen Zeiträumen. Mitgeliefert wird stets die Interpretation des Meisters der Zahlen Manfred Güllner, der dann oft ohne relevanten Bezug zur Datenbasis und aneinander gelegten Zahlenreihen über längere Zeiträume frei gewählte Interpretationen liefert. Bei Forsa sind die Ausschläge bei den Umfragen besonders extrem. So lagen die Grünen im Hochsommer bei schier unglaublichen 28%, im Dezember bei 14, zwischenzeitlich nun wieder bei 16. Die Piratenpartei wird in der selben Woche bei der Forschungsgruppe Wahlen bei 4%, bei Forsa aber bei 9% gemessen. Das ist jenseits aller Fehlertoleranzen.

Was Bayern angeht: Wie selig waren die Zeiten als 2009 lediglich zwei und 2010 sogar nur ein Landestrend veröffentlicht wurde. 2011 waren es 11. Für 2012 erwarte ich nicht weniger. Die Politik wird jedes Mal zur Kommentierung angefragt und muss dann entweder den vermeintlichen Rückenwind postulieren oder Durchhalteparolen nach außen geben.

Das alles ist an sich noch kein grundsätzlich verwerflicher Vorgang. Langsam aber sicher werden im Umgang von Medien und Politik mit Umfragen auch Grenzen überschritten. Inwiefern das Gemessene aber Momentaufnahmen mit statistisch relevanten Fehlertoleranzen oder wirkliche Trends sind, wird grundsätzlich kaum hinterfragt. So erschien Anfang Dezember im SPIEGEL eine Umfrage zur Wahlabsicht der Bayern, deren Datenmaterial mir durchaus ominös erscheint. Die Bayernpartei hatte nämlich im Eigenauftrag ausschließlich ihre potentielle Wählerbarkeit in der Bevölkerung abgefragt und als Beiwerk zusätzliches Material über einen Monatszeitraum (25.10. bis 26.11.) erhalten. Aus diesem Material ließen sich dann (wie auch immer) Umfragedaten ablesen, die einen deutlichen Abstieg der Grünen auf 10% in der Wählergunst ergaben. “Grün welkt” und “Grüne im Umfragetief” lauteten die darauffolgenden Schlagzeilen. Schnell entspann sich (mal wieder) eine erste mediale Debatte, ob die Grünen denn noch benötigt würden, nachdem manche Medien ein halbes Jahr zuvor noch den Weg zur Volkspartei beschritten sahen.

Bis plötzlich dann Emnid zwei Wochen später einen phänomenalen Anstieg auf 13% und der reguläre jährliche Bayerntrend von Infratest Anfang Januar sogar 14% Zustimmung für die Grünen, also 40% mehr als noch wenige Wochen vorher Bayernpartei/Forsa veröffentlichte. Ja, was denn nun? Gigantische Stimmungsschwankungen, die der Bayer da so zwischen den Feiertagen gehabt haben muss. Während bei Forsa die SPD jubilierte, war bei Emnid plötzlich die CSU “happy”. Und das obwohl sich die Mehrheitsverhältnisse kaum relevant unterschieden. Und dann diese seltsamen Veröffentlichungszeitpunkte. Kurz vor Weihnachten also die Emnid-Umfrage, Auftraggeber war die CSU. Am 4. Januar der lang erwartete jährliche Infratest Bayerntrend im Auftrag des Bayerischen Rundfunks. Am gleichen Tag aber auch eine Umfrage von GMS im Auftrag von Sat1 17:30, von dem durchaus manche eine Nähe zur CSU vermuten.

Tja, und so wirds weiter gehn. Erwartungen, dass künftig Zahlen nicht isoliert betrachtet werden sondern in Trends und Zahlenreihen, die hege ich freilich nicht. Jede und jeder im Parteienwettbewerb wie im Medienbetrieb ist da von kurzfristigen Motiven getrieben, für sich die beste verwertbare Interpretation rauszuziehen. Wenns auf die Wahlen zugeht, sollte man aber stärker im Auge behalten, welche Zahlen in welchem Zusammenhang von welchem Auftraggeber veröffentlicht werden. Es darf nicht dazu kommen, dass am Ende mit Umfragen Wahlen beeinfluss werden, indem man vermeintliche Sieger- oder Verlierertrends medial verstärkt. Eine (freiwillige) Umfragensperre wenigstens die letzten 10 Tage vor der Wahl halte ich z.B. für eine sinnvolle Angelegenheit. Und nebenbei wärs ganz schön, wenn die Berichterstattung über Inhalte die Berichterstattung über vermeintliche Trends dominiert. Das interessiert nach meiner Wahrnehmung die Menschen weiterhin am meisten.

Und wir Grüne sollten unbeirrt von diesen Stimmungskaskaden stur die Politik weiter machen, für die wir einstehen. Da habe ich zumindest ganz gute Hoffnung.

So long …

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Über mich

Ich bin Landesvorsitzender von Bündnis 90 / Die Grünen in Bayern und schreibe über meine politische Arbeit, meine Gedanken zum politischen und gesellschaftliche Geschehen mit dem festen Willen abseits des politischen Mainstreams sich die Freiheit zu nehmen, auch mal quer zu denken. (mehr)

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